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Meine Freundin Gisela lernte ich vor zwei Jahren bei einem Workshop kennen. Seither stehen wir in regem Briefwechsel. Natürlich im Mail-Wechsel. Immer wieder wälzen wir die Frage, halb scherzhaft, wie wir berühmte Autorinnen werden können. Dass auch Gisela mit ihren achtundvierzig Jahren diesen Traum noch hat, macht mich zuversichtlich. Ich könnte es sogar sechs Jahre früher schaffen als sie, dachte ich manchmal insgeheim.
Aber nun ist es zu spät für mich. Sie hat einen uneinholbaren Vorsprung erreicht. Sie redete plötzlich nur noch von ihrem ersten Buch, das im nächsten Monat erscheinen wird. Natürlich wollte ich ganz genau wissen, wie sie es geschafft hat. Jetzt musste sie den Weg ja kennen. Aber wenn ihr überhaupt Zeit blieb für eine mail, dann schrieb sie zu dieser Frage immer nur 'Das ist eine lange Geschichte. Sobald ich Zeit habe, schreibe ich sie dir.'. Und gestern nun erhielt ich von ihr einen richtigen Brief, in dem nicht nur eine Anzeige über ihr Buch steckte, sondern auch der Text, den ich mit ihrem Einverständnis allen interessierten Schreiberinnen und Schreibern hier zur Kenntnis bringen möchte:
Wir, die wir uns dem Schreiben verschrieben haben, leben in einer ganz besonderen Welt. Unsere Arbeitswelt hat so viele Formen und Farben, für jeden von uns sieht sie anders aus. Außerhalb dieser Welt fühlen wir uns, als sei uns mindestens ein Arm amputiert worden. Wir sind nicht vollständig und somit ziemlich unglücklich. Wir alle können uns ohne die qualvolle, befreiende, zermürbende, befriedigende, gehasste und geliebte Arbeit des Schreibens und Dichtens nicht halten. Wo halten? Am Leben erhalten? Ja, im Extremfall sogar das. Auf dem Markt halten? Wenn wir bereits dorthin gelangt sind, dann, ja dann geht es genau darum. Wie hält man sich am Markt?
Nein, nicht durch Schreiben, nicht durch Fleiß und Kreativität. Man hält sich dort mit den gleichen Mitteln und Methoden, mit denen man dorthin gelangt. Okay, ohne Texte kann man sich gar nicht erst auf den Weg machen. Wir sind also schreibende Wesen mit einer Schublade voller Gedichte, Geschichten, Romanfragmente, Entwürfen und Ideen und haben genug vom heimlichen Arbeiten am Computer, das von unseren Nächsten allen- und bestenfalls belächelt wird. Wir wollen der Welt zeigen, was wir zu sagen hatten und haben, wir wollen auf den Markt.
Bunte Zeitungen zahlen gut, hören wir. Ein Pseudonym ist schnell erdacht und ab geht die Post an die erste Redaktion. Auf diese Story müssen die gewartet haben. Denn Thematik, Stil und Zeichenanzahl – alles sorgfältig recherchiert - sind perfekt. Wochen vergehen, Monate manchmal. Ein Dankesbrief trifft irgendwann ein '...mit Bedauern, aber...'. Die nächsten Geschichten schicken wir auf eine ähnliche Reise. Nein, man hat seine Hausautoren oder man arbeitet nur mit Literaturagenten zusammen.
Ach so! Im Internet oder im Handbuch machen wir uns sachkundig über Literaturagenturen. Zuerst einmal anrufen. Wenn schon Agent, dann kann der sich ja gleich auch um unser Roman-Manuskript kümmern, das bieten wir ihm großherzig mit an. 'Schon mal selbst versucht? Bei acht Verlagen? Und nun soll ich der Retter sein?... Tut mir leid, bin voll ausgelastet, passt auch nicht in mein Programm...'. So oder ähnlich verlaufen unsere Telefongespräche.
Doch endlich! '...Ja, sehr interessiert...'. Wussten wir es doch! '...schicke ich Ihnen Unterlagen zu...'. Wie? Er schickt uns...? Wir wollten doch...? Am nächsten Tag schon ist der große Umschlag in der Post. Glanzmappe, Autorenliste, schmeichelndes Anschreiben. Das hat natürlich seinen Preis, niemand hat etwas zu verschenken. Aber vierhundert Euro? Lohnt sich das? Immerhin, wenn es mit seiner Hilfe eine erfolgreiche Veröffentlichung gäbe? Ja, wenn. Die muss dann aber schon sehr erfolgreich sein. Denn natürlich bekommt der Agent zu seinem Aufwand, den wir mit vierhundert Euro ausgeglichen haben, dann zwanzig Prozent vom Honorar.
Also, wir sind noch immer nicht am Markt. Ausschreibungen, Wettbewerbe..., auf nimmer Wiedersehen verschwinden die Manuskripte dort. Vielleicht, wenn wir Mitte zwanzig wären.
Literaturzeitschriften? Ach, die zahlen nichts. Und wer liest die schon? Wir ja selbst nicht. Internet? Unsere guten Texte zum Nulltarif für jedermann? Viel zu schade.
Werkstätten, Seminare, Kontakte knüpfen. Wir kommen jedesmal mit neuen Texten, neuen Ideen nach Hause. Kontakte gab es natürlich auch. Wenn auch vor allem zu Autoren, die ebenso auf den Markt wollen wie wir.
Jetzt hilft nur noch eins: abgucken. Was haben denn die Autoren, die am Markt sind, deren Bücher wir lesen, das wir nicht haben? Von den Kurzgeschichtenschreibern erfahren wir es nicht. Sie schreiben in den gut zahlenden Blättern unter Pseudonym. So hält sich das Gerücht, dass man dort nur veröffentlichen kann, wenn man jemand kennt, der jemand kennt..., Vitamin B also. Aber die Buchautoren. Die erfolgreichen kann man in den Journalen der Büchermacher und den Feuilletons gut kennenlernen. Germanistik, Literaturwissenschaft, Journalistik haben sie studiert, oder im Verlag gearbeitet, oder Vater hatte einen Verlag. Mit all dem können wir nicht aufwarten. Aber es gibt doch auch immer wieder solche Entdeckungen, die aus dem Nichts kommen, einfach Glück haben! Na ja, diese Wahrscheinlichkeit ist genauso groß wie die, eine Lottomillion zu gewinnen. Darauf warten? Jede Woche Manuskripte in die Welt schicken, um vielleicht eines Tages... ?
Spätestens jetzt hat uns aller Mut, alle Zuversicht verlassen. Wenn wir an einem solchen Tag auch noch in der Buchhandlung den Wühltisch sehen, auf dem sogar die, von denen wir glaubten, sie hätten es geschafft, verramscht werden, dann versuchen wir tatsächlich, die Finger von der Tastatur zu lassen, unseren Traum zu begraben. Wir versuchen es. Noch jeder Versuch ist misslungen. Wir können nicht nicht schreiben. Es geht nicht. Können wir wenigstens nicht veröffentlichen wollen? Doch, das können einige von uns. Und die anderen? Dann könnten wir ja gleich Tagebuch schreiben. Aber keine Gedichte, keine Geschichten, keine Romane, Hörspiele und Drehbücher.
Wir sind also eine Runde mit dem Autorenkarussell gefahren, noch eine zweite wohl. Irgendwann müssen wir absteigen. Ist ja egal, denken wir endlich. Wenn es auch niemand liest, wir können ja den einen oder anderen Text mal an eine Literaturzeitschrift schicken. Und – jetzt endlich scheint das Glück auch zu uns zu kommen. Hier und dort erscheint ein Text. Von Zeit zu Zeit kommen Anrufe und Briefe von Kollegen. Man hat etwas von uns gelesen. Es kommt vor, dass wir nach neuen Texten für Zeitschriften und Projekte gefragt werden. Und eines Tages hören wir: wir könnten doch ein Buch machen, ich wüsste da einen Verleger, der würde sich das Manuskript gern mal anschauen. Und wir machen und der Verleger schaut. Irgendwann ist unser erstes Buch auf dem Markt. Nun wissen ihr, wie es funktioniert. Jetzt sind wir endlich am Markt. Wie wir da bleiben können, wissen wir noch nicht. Ahnen aber, dass sich bestimmt vieles wiederholen wird, was wir schon kennen. Vielleicht aber wird es eine neue Geschichte werden. Die erzähle ich dann.

Tage
Goldstreifen am Horizont.
Abschied vom sonnigen Tag.
Der Wiesenhang, auf dem ich sitze,
schenkt mir die Wärme, die
der Boden von der Sonne erhielt.
Wieder geht ein Tag vorbei.
Am anderen Ende der Welt sitzt du
und sagst: die Sonne geht auf.
Ein neuer Tag beginnt.
Zeit ist nichts.
Zeitlos der Lauf der Tage,
der Jahre, des Lebens.
Zeitlos sind Suche und Sehnsucht.
Und doch bin ich gefangen
In meiner Zeit.

Vorfreude auf Sonntag
- immer wieder. Ist er da, bleibt das Weckerklingeln aus. Das war dann der Hoch- und oft einzige Genuss des Tages. Denn schon beim Frühstück drehen die Gedanken auf, erinnern an Unerledigtes und unbedingt Wichtiges. Sie ziehen das Gewissen auf ihre Seite: wann, wenn nicht an diesem freien Tag. Gedanken und Gewissen verbünden sich mit dem Pflichtgefühl. Stark sind die drei. Treiben zum Handeln an. Versuch, Freude und Lust zu wecken. Manchmal gelingt es. Doch oft triumphiert das beruhigte Gewissen und tröstet wortreich das innere Kind, das viel lieber mit Freude und Lust getanzt hätte. Es verstummt und freut sich auf den nächsten Sonntag.
Abends
Dank euch,
von denen niemand ich heut traf.
Und doch sind wir uns begegnet.
In unseren Gedanken. In Schrift oder Stimme.
Mit einander verbunden. Nah.
Herr S. schrieb mir eine Rezension.
I. schickte Grüße aus Venedig.
C. dankte für meinen Brief und schrieb über neue Pläne.
W. schickte mir eine Schrift, in der
unsere Texte nebeneinander stehen.
Ein alter Herr glaubte, mir ein Buch zu schulden.
Und
G. lädt mich zu einem Treffen ein.
Ich schrieb an H. und A.
R. rief mich an und meine Eltern.
So war ein Tag, den ich allein verbrachte
doch lebhaft, weil ich
ihn teilen konnte mit euch.
Dank euch, dass ich nicht einsam bin.
Allein – weit weg.
